Innehalten

© Foto: Dirk Biermann

 

Das moderne Leben ist vielfältig und lebendig. Es bietet Möglichkeiten zur Selbstverwirklichung, um die uns viele unserer Vorfahren wohl beneidet hätten. Technischer Fortschritt erleichtert die körperliche Arbeit und schafft Komfort in vielen Lebenslagen. Die Medizin und andere Wissenschaften setzen immer neue Meilensteine. Selten war es so einfach, mit Menschen in Kontakt zu kommen und Gemeinsamkeiten zu pflegen. Gute Voraussetzungen für ein erfülltes Leben, möchte man meinen.

Doch genau diese Erfüllung vermissen immer mehr Menschen. Die virtuelle Beziehungspflege im Internet ist anregend, hinterlässt aber meist einen faden Beigeschmack. Dem Digitalen fehlt die Tiefe. Wirkliche Verbindung ist selten spürbar. Und der Gewinn an Zeit, den uns unsere vielen elektronischen Helfer versprechen? Meist reine Gaukelei. Im Gegenteil fressen sie mehr Zeit als sie bringen. Wir füttern sie mit unserer Aufmerksamkeit.

In der Summe sehen wir uns einem vielfältigen Katalog an Anforderungen und Unterhaltungsangeboten ausgesetzt und muten uns ein viel zu hohes Pensum zu. Ein auf Dauer erschöpfender Zustand, den wohl niemand wirklich will, den aber nur die wenigsten von uns zu vermeiden wissen. Wer am Leben teilnimmt, ist diesen Kräften ausgesetzt – ob er will oder nicht. Was sich stellt, ist die Frage: Wie sehr? Und darüberhinaus: Wieviel Einfluss haben wir? Geht es auch anders?

Das moderne Leben ist rasant. Und es ist voll. Grundlegend werden wir das wohl nicht wieder ändern. Aber wir können bewusst Zeichen setzen und unserer eigenen Unrast ins Gesicht lächeln. Denn die Schnelligkeit des modernen Lebens an sich ist nicht das alleinige Problem, sondern dass wir versäumen, bewusste Pausen einzulegen, uns Auszeiten zu nehmen und unser selbstauferlegtes Pensum im Blick zu halten.

Ein stimmiges Leben und gesundheitliches Wohlbefinden folgt natürlichen Rhythmen. Anspannung haben die meisten von uns mehr als genug. Mit dem anstrengungslosen und erwartungsfreien Entspannen und Loslassen indes hapert es. Ich halte es für ein schönes Ziel: Inmitten des Chaos des Alltags häufiger innezuhalten und durchzuatmen – um die die Lebendigkeit des Lebens zu spüren und immer wieder neu zu erfahren. Im Innehalten können wir präsent sein und wirkliche Verbindung spüren.

Dirk Biermann

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