Was unsere seelische Gesundheit stärkt

Für seelische Gesundheit gibt es keine Garantie. Sie ist uns nicht in die Wiege gelegt. Aber wir können etwas für sie tun.

© Foto: Dirk Biermann

Eine ausgewogene Ernährung, genügend Schlaf und regelmäßige Bewegung sind drei wichtige Aspekte zur Kräftigung der körperlichen Gesundheit. Unsere psychische Widerstandskraft und unser seelisches Wohlbefinden können wir ebenfalls stärken: indem wir uns unseren Einstellungen und inneren Haltungen widmen und hinhören, was unser Körper sagt. Wie wollen wir die Umstände sehen? Was denken wir über uns und die Welt? Welche Gewohnheiten haben wir uns angewöhnt? Gibt unser Körper bereits Signale, nicht länger weiterzumachen wie bisher? Fragen wie diese können hilfreich sein, um ein seelisches Gleichgewicht zu wahren oder wiederzuerlangen

Wir haben viel mehr Einfluss auf unsere Stimmungen und Körperempfindungen als wir häufig meinen – in den schwierigen Momenten des Lebens aber unter Umständen nur bis zu einem bestimmten Punkt. In einer anhaltend schwierigen Lebensphase kann sich aus einer anfänglich gedrückten Stimmung ein Erschöpfungszustand oder ein depressives Erleben entwickeln. Begleitet von diversen körperlichen Beschwerden. Beginnt diese Dynamik erst zu greifen, erschwert uns das im weiteren Verlauf den Zugang zu unseren direkten Einflussmöglichkeiten. Wir haben sie zwar grundsätzlich weiterhin, doch manchmal scheinen sie dann für längere Zeit wie verwehrt.

Deswegen lohnt es sich Vorsorge zu treffen und zu lernen, auf heilsame Weise für sich selbst zu sorgen. Der erste Schritt dafür ist die Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen: für die eigenen Denkweisen, Einstellungen und Verhaltensweisen. Das ist bestimmt nicht immer einfach. Aber wir können uns dem nähern. Die Praxis der Achtsamkeit sowie ein Achtsamkeitstraining nach der MBSR-Methode können uns dabei eine wertvolle Hilfe sein.

 

Was wir konkret für uns tun können

Einstellungen, Sichtweisen und Erwartungen überprüfen: Vielleicht ist manches davon nicht länger sinnvoll und belastet sogar.

So freundlich mit sich sein wie es geht: Wenden wir uns dem zu, was uns beschäftigt. Hören wir hin, was unser Körper sagt, und lernen wir seine Sprache kennen. Eine depressive Stimmung ist ein Hinweis, nicht länger weiterzumachen wie bisher und dass wir uns wohlwollender um uns kümmern sollten.

Innehalten und fragen: „Wie ist es jetzt?“: Und das mehrmals am Tag. Wir glauben oft, dass depressive Stimmung ein Dauerzustand ist, dem wir hilflos ausgeliefert sind. Das muss nicht so sein. Unsere Stimmung kann sich von Moment zu Moment ändern – und das tut sie meist auch. Wir müssen es allerdings mitbekommen.

Mit dem gegenwärtigen Moment verbinden: Und den natürlichen Fluss des Atems spüren. Solange wir atmen, ist mehr mit uns in Ordnung als falsch. Öffnen wir uns wieder häufiger dem gegenwärtigen Moment und kehren wir immer wieder zurück ins Jetzt. Egal, wo die Gedanken gerade waren und was diese erzählt haben. Nehmen wir achtsam wahr, was wir denken, aber glauben wir unseren Gedanken nicht alles. Mit diesem gerade stattfindenden Atemzug können wir das Leben auch ganz anders spüren.

Erkennen, dass wir uns entscheiden können: Wollen wir die Dinge, die in uns und um uns herum stattfinden, kritisch bewerten? Oder so interessiert und unvoreingenommen wie es gerade geht? Wir können uns entscheiden, wie wir eine Situation wahrnehmen wollen. Wir Menschen haben auch diese Fähigkeit. Was wir fühlen, denken und empfinden, können wir zwar nicht umfassend kontrollieren, aber sofern wir nicht tief im depressiven Erleben feststecken, können wir uns entscheiden, wie wir auf diese Reize reagieren möchten. Während einer tieferen Depression steht diese Möglichkeit vorübergehend nur sehr eingeschränkt zur Verfügung; oder gar nicht.

Bewusst werden: Wie wollen wir mit dem, was uns das Leben präsentiert, umgehen? Wie wollen wir darauf antworten? Wie wollen wir darüber denken? Wollen wir einem belastenden Gefühl weiter folgen oder uns einer heilsameren Sichtweise zuwenden? Wem oder was wollen wir unsere Aufmerksamkeit schenken?

Wenn der Organismus „Stopp“ sagt: Vielleicht hilft manchen von uns auch diese Perspektive auf die normalen Schwankungen des Lebens: Wir machen nichts falsch, wenn unsere Stimmung in manchen Phasen des Lebens getrübt ist und wir den Wunsch nach Ruhe und Rückzug spüren. Unser Organismus kann dafür gute Gründe haben. Er reagiert so auf gewisse Geschehnisse. Besonders in Ausnahmesituationen. Das macht er ungefragt und in heilsamer Absicht. Oft will er ein inneres Gleichgewicht wiederherstellen und antwortet damit auf eine dauerhaft belastende Situation. Anfängliche Depressivität kann ein körperlich und psychisch spürbares STOPP-Signal sein und damit ein natürlicher Schutz – und kein Makel. Auch wenn es sich unangenehm anfühlt.

Wenn die niedergeschlagene Stimmung, die Lustlosigkeit und die kreisenden Gedanken jedoch unbeachtet bleiben und wir nicht bewusst darauf eingehen, kann sich aus einer anfänglichen depressiven Verstimmung eine leichte oder mittelschwere Depression entwickeln oder gar tieferes depressives Erleben; meist begleitet von diversen körperlichen Symptomen der Schwere und der Schwäche. Im fortschreitenden Verlauf handelt es sich beim depressiven Erleben um eine langwierige Erkrankung, die ihre Ursachen meist in einem vielfältig verzahnten Mix von Veranlagung, Lebensereignissen und aktueller Lebenssituation hat. Davor ist grundsätzlich niemand gefeit. Und doch muss es nicht zwangsläufig dazu kommen. Nicht aus jeder vorübergehenden Verstimmung entwickelt sich eine Depression. Um seelisch gesund und stabil zu bleiben, können wir unseren Teil beitragen. Nutzen wir diese Einflussmöglichkeiten, solange es möglich ist. Das ist zwar keine Garantie für umgehendes Wohlbefinden in herausfordernden Situationen oder gar ein absoluter Schutz vor der Entwicklung einer Depression, aber es ist ein hilfreicher Baustein für ein inneres Gleichgewicht, das gelernt hat, auch mit den schwierigen Momenten im Leben einen Umgang zu finden.

Vielleicht meinen Sie jetzt: „Ja, das hört sich alles gut an, ABER …“ Ja, es kann schwierig sein, lange Zeit gelebte Gewohnheiten zu ändern. Und trotzdem: Es wird niemand von außen kommen und „machen“, dass es Ihnen besser geht, dass Sie inneren Frieden und Ausgeglichenheit spüren. Dazu hat niemand die Macht. Die haben im Rahmen der Gegebenheiten nur Sie selbst. Auch wenn es schwierig scheint und ungewohnt: Öffnen Sie sich für die Möglichkeit, dass es gelingen kann.

 

Wenn Sie über mehrere Wochen ununterbrochen unter einer gedrückten Stimmung leiden, unter Antriebsschwäche und dem Gefühl fehlender Lebensfreude, sollten Sie sich fachliche Unterstützung holen. Symptome wie diese können auf eine Depression hinweisen – und diese können behandelt werden.

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